Ich mag kein guter Mensch gewesen sein. Aber ich bin allemal besser als die hier. Wie sie glotzen den ganzen Tag. Immerzu starren sie mich an und zeigen mit dem Finger auf mich. Dann sagen sie irgendwas untereinander und lachen. Immer lachen sie. Manchmal ziehen sie mir auch Grimassen. Das sind dann aber meist irgendwelche halbwüchsigen Rotzbengel.
Haben noch nie einen nackten Menschen gesehen?
Wenn sie so lachen gehe ich nah zu ihnen hin und stolziere am Rande meiner Zelle auf und ab. Ich stelle mich absichtlich zur Schau, damit es sich nicht so schmerzhaft anfühlt.
Wie primitiv muss man sein, um sich an den Anblick eines nackten Menschen so zu ergötzen?
Die können tausende von Jahren an Evolution hinter sich haben, doch reifer sind sie nicht geworden. Sonst würden sie mich nicht so anstarren.
Widerwärtige Primitivlinge.
Wer ich bin?
Ein nackter Mann, eingesperrt in einem Käfig.
Wer ich bin, ist nicht schwer zu verstehen.
Wer ich war?
Das ist die interessante Frage.
Diesen Umstand scheine ich immer mehr zu vergessen. Dann liege ich abends, wenn sie alle wieder nach Hause gegangen sind und nochmal über den nackten Menschen lachen, in meiner Ecke und versuche mich zu erinnern. Doch fällt es mir schwer. Es fällt mir von Abend zu Abend schwerer.
Wo komme ich her, überlege ich.
Von der Erde, sage ich mir dann.
Wenn ich so daliege, versuche ich mir einzureden, wie schön es damals auf der Erde war. Die Lüge an eine schöne Erde erhält mich am Leben.
Denn in Wirklichkeit war es nicht schön. Mein Leben, meine ich.
Es war Scheiße. Ich benahm mich genauso Scheiße. Wie ein Arsch.
Ein Arsch war ich wohl, weil ich mein Leben farblos fand. Wenn ich was wollte, dann nahm ich es mir. Wollte ich es nicht mehr schmiss ich es weg. Ich hatte Angst vor dem Leben. Angst etwas zu verlieren, also schmiss ich es weg, bevor ich es verlieren konnte. Anscheinend muss man erst isoliert und gedemütigt werden, um zu dieser offensichtlichen Erkenntnis zu gelangen.
Deswegen also war ich alleine und deswegen bin ich auch immer alleine gewesen. So viele Menschen auch um mich herumtanzten, ich war alleine. Sosehr ich auch mit ihnen redete. Ich redete alleine mit mir.
Als Junge und auch als erwachsener Mann noch stand ich im Zoo am Affenkäfig und schnitt Grimassen und lachte sie aus. Denn dem Affen hinter der Scheibe ging es noch schlechter als mir.
Mein vergangenes Leben ist nicht von Belang. Interessant wurde es doch erst, als ich entführt wurde. Damit meine ich keine Entführung von schwuchteligen Schurken die Geld oder Sex von mir erpressen wollten. Damit meine ich Außerirdische.
Genau. Kleine grüne Männchen.
Nur das sie genaugenommen nicht klein sind.
Und auch nicht grün. Eher leicht rosa. Für einen Farbenblinden macht es vielleicht keinen Unterschied.
Für mich schon. Denn rosa mag ich nicht.
Wie wurde ich jetzt entführt?
Leider kann ich das nicht so genau sagen. Mein Blut war ziemlich angefüllt mit Alkohol in dieser Nacht. Und die mondlose Nacht wiederum war angefühlt mit dichtem Nebel. Eigentlich habe ich kaum was erkannt. Verschwommene Schemen, Lichter im Nebel über mir.
So reiht sich meine echte Alienentführung ein, in die ganzen Pseudo-Entführungen dieser Talk-Show-Verrückten. Die, die mit krausen Haaren unter ihrem Aluhut irgendwas von Liebe und Frieden sabbern. Alles, genauso wage und in einem undurchsichtigen Schleier verborgen.
Und ich schau genauso aus: wie ein Verrückter. Unrasiert, lange fettige Haare laufe ich Tag für Tag nackt und dreckig durch mein Gefängnis.
Der Unterschied zwischen denen und mir war vielleicht nur, dass sie zurückgebracht wurden, um Hans Meiser davon zu erzählen.
Doch wieder zurück zu mir. Gestern hat es endlich funktioniert. Ein Buch und ein Stift habe ich bekommen. Tagelang habe ich dafür betteln müssen. Nicht weil man es mir nicht geben wollte, sondern ich wurde einfach nicht verstanden.
Ich machte Gesten, hüpfte auf und ab. Wurde sauer und schrie sie an.
Wenn ich mich gebäre wie wild, kommen sie und geben mir Stromschläge. Dann, wenn ich am Boden liege und zittere, kommen sie her und streicheln mir sanft über mein zerzaustes Haar. Es ist die einzige Zärtlichkeit, die ich hier bekomme. Streicheln nach den Stromschlägen.
Nach mehreren Wiederholungen dieser Lektion, sah ich es ein; ich musste mich verstellen. Einschleimen und einen auf Nett machen. Siehe da, es hat geklappt. Es war zwar nicht leicht, zu erklären, was ich von ihnen will, doch irgendwann verstehen auch die Begriffsstutzigsten, was ich meine.
Doch alles nach und nach.
Mit war stinklangweilig in meinem Gefängnis. Manchmal rastete ich aus und schrie und hieb mit meinen Fäusten gegen die Wand. Dann freute ich mich innerlich schon wieder auf die Stromschläge. Auf die Aufmerksamkeit, die sie mir hier schulden. Wenn mich jemand entführt, hat er dafür zu sorgen, dass es mir gut geht. Zumindest, dass sie mir Aufmerksamkeit schenken. So einfach ist das. Nach meinem letzten Tobsuchtsanfall merkte ich jedoch, dass es das nicht ist.
Ich brauchte was zum Schreiben.
Ohne das Buch und den Stift, wäre ich vielleicht wahnsinnig geworden. Vielleicht bin ich es schon? Oder ich werde es trotzdem. Manchmal mag es mir scheinen, es macht keinen Unterschied, ob ich Verrückt bin oder nicht. Nicht hier drinnen.
Mit diesen zwei Utensilien, Stift und Papier, die mir nun kostbarer als Gold und Geld erscheinen, wage ich den Versuch, mich vom Wahnsinn zu kurieren.
Damit ich etwas schreibe, was sich lohnt, werde ich von meiner Entführung schreiben. Ich werde es so schreiben, als würde ich Jemanden davon berichten. Als könnte ich Jemanden davon berichten. Als würde ich irgendwann wieder nach Hause zurückkehren.
Zahlreiche Filme wurden schon von so etwas gedreht. Außerirdischen und so. Doch diese hier sind echt. Faul, hochnäsig und echt.
Die authentischste Alienentführung und Keiner, der es jemals lesen wird.
*
Ich befand mich auf dem Weg nach Hause und war rotzevoll. Warum ich so viel getrunken hatte? Weil ich reden wollte. Reden, angeben und prahlen mit irgendwas, um irgendjemanden zu beindrucken. Am besten geht das bei einem Gläschen oder zwei.
Erst als ich mir so vorkam, als hätte ich alle der eifrig Mitdiskutierenden mit meinen Argumenten überzeugt, konnte ich mich auf den Heimweg machen.
Ich öffnete die Tür der Kneipe und ein eisiger Novemberwind schlug mir entgegen. Die Geräusche hinter mir verstummten, als sich die Kneipentür wieder schloss. Automatisch schlug ich den Kragen meines Mantels nach oben und wankte los.
Um zwei Uhr nachts ist nicht viel los auf den Straßen. In ländlicher Gegend sowieso nicht. Nicht ein Auto kreuzte meinen Weg. Nachdem ich das Dorfschild hinter mir gelassen hatte, verließ ich die Straße und stolperte über die Wiese. Ist kürzer.
Kondensierte Nebeltropfen durchnässten meine Schuhe binnen Sekunden, doch spürte ich meine klammen Füße kaum.
Wohliger Alkohol, der einen auf so etwas gleichgültig blicken lässt.
Ich lief also über diese verdammt holprige Wiese. Natürlich stolperte ich schon nach kurzer Zeit über einen Erdhügel und landete mit der Fresse fluchend im Gras.
Ich rappelte mich wieder auf. Als ich den Dreck von mir abklopfte, fiel mein Blick auf mein Handgelenk. Meine teure Uhr war zerbrochen. Auf dem einzigen Stein, auf dieser ganzen verfluchten Wiese, zerschellte sie. Betrunkene sollen einen Schutzengel haben, heißt es. Die Uhren von Betrunkenen haben auf jeden Fall keinen.
Meine Hose war Nass und ich zog weiter. Ein Summen erdröhnte in meinem Kopf. Doch drang das Geräusch nicht weit genug in mein Bewusstsein durch, als das es mein Interesse geweckt hätte.
Wieder fiel ich auf die Wiese. Fluchend und lachend zugleich blieb ich liegen. Ich drehte mich auf den Rücken und schaute in den nebligen Dunst über mir. Jetzt kroch die Nässe auch durch meinen Mantel.
Das Geräusch im Hintergrund wurde lauter. So laut, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte und neugierig starrte ich nach oben. Ich erwartete jeden Moment einen Mähdrescher aus dem Dunkel auftauchen, der mich in Fleischschnetzel über die Wiese verteilt. Als dann auch noch die Lichter durch die Nebelschwaden drangen, schrie ich auf. Vollkommen davon überzeugt gleich gedrexlt zu werden.
Auf solch einen idiotischen Gedanken konnte nur ein Betrunkener kommen, denn die Lichter kamen von oben. Aus dem Himmel. Solange es keine fliegenden Mähdrescher gibt, war dieser Gedanke einfach absurd.
Das diffuse unbestimmte Licht formierte sich und ein scheinender Kranz wurde erkennbar. Eine Scheibe an der die Lichter angebracht waren, erschien und landete nicht unweit von mir auf der Wiese.
Sonst nichts.
Nur der Nebel, die summende Scheibe und ich auf der nassen Wiese liegend.
Ewig schien nichts zu passieren.
Endlich öffnete sich an der Unterseite eine Klappe. Ich starrte weiter. Aus der Klappe kam ein sanftes Licht und davor erschienen Schatten die langsam herausgeklettert kamen. Es war keine Treppe, wie man es immer in den Filmen sieht, sondern eher eine Klappe, wo eine Art Strickleiter heruntergelassen wurde. Diese Leiter kamen Männchen herab. Eine verdammte, primitive Strickleiter!
Die ganze Zeit mochte ich nichts gedacht haben. Daliegend beobachtete ich.
Dann standen sie da, die Männchen.
Vielleicht Vier.
Vielleicht Zwei.
Sie unterhielten sich oder sangen irgendwas, oder so. Klang wie ein kaputtes Vogelzwitschern und in meinem Kopf formte es sich zu einer falschen Super-Mario-Melodie.
Sie schauten ein bisschen in der Gegend rum und gingen los. Dann entfernten sie sich von mir und ich musste mich etwas aufrichten, um sie besser beobachten zu können. Letztlich verschwanden sie im Nebel.
Eine Weile noch lag ich da und guckte, ob noch etwas passiert. Nachdem das nicht der Fall war, richtete ich mich auf. Mir war kotzübel ehrlich gesagt. Aber ich war auch neugierig was das alles sollte und ging auf diese Scheibe zu, mit den vielen Lichtern an der Unterseite.
Hat schon mal jemand davon berichtet, dass er freiwillig auf ein UFO zuläuft?
So belämmert ist wahrscheinlich sonst niemand. Aber in diesem Moment hatte ich noch nichts begriffen, nur beobachtet.
Ich stand bei der Strickleiter und guckte nach oben in das Loch. Es war nichts zu sehen. Dennoch guckte ich in das Loch. Und hätte dort hochgeguckt bis ich wieder halbwegs nüchtern gewesen wäre.
Doch auf einmal standen sie neben mir. Diese nichtkleinen und nichtgrünen Männchen, und ich dachte mir: Scheiße.
Jetzt erst begriff ich mit letzter Konsequenz, was das vor mir war.
Ein Raumschiff. Und diese Männchen hier waren Außerirdische und würden mich jetzt mitnehmen.
Genauso verdutzt, wie ich sie anstarrte, starrten sie zurück. Sie konnten es wahrscheinlich nicht verstehen, dass ein Entführungsopfer freiwillig zu ihrem Schiff kommt.
Vor meinen Augen begann sich alles zu drehen. Ich kotzte ihnen vor die Füße. Dann fiel ich in meine eigene Kotze und verlor das Bewusstsein.
So wurde ich entführt.